Unter »Lesbarkeit« – oft auch als »Leserlichkeit« bezeichnet – wird im Segment der Lesetypografie die optimale makrotypografische und mikrotypografische Aufbereitung eines Schriftsatzes verstanden, den ein Rezipient (Leser) auch beim Erfassen längerer Textpassagen, beispielsweise in einem Buch, einer Zeitung, einem Geschäftsbericht oder auf einer Website, als angenehm, richtig und als nicht störend empfindet.

 

Neben Satzbau, Sprachstil, Textstruktur, Textschwierigkeit, Sprach- und Lesekompetenz, Leseabstand, Lese- und Betrachtungsgewohnheiten sowie psychologischen und physikalischen Rahmenbedingungen, ist die gekonnte typografische Aufbereitung eines Schriftsatzes essentiell für die Lesemotivation, die Lesegeschwindigkeit, die Verständlichkeit und die Ausdrucksmöglichkeit einer Sprache in ihrer Schriftlichkeit (siehe auch Schriftmischung).

 

Die visuelle bzw. typografische Gestaltung eines Textes wird prinzipiell immer vor seinem Inhalt wahrgenommen. Die Typografie manipuliert den Rezipienten also bereits vor dem eigentlichen Lesen einer Wortsprache dahingehend, ob und wie er den Text decodiert oder ob er sich dem Text mehr oder weniger – beispielsweise aufgrund eines unangenehmen Grauwerts – verweigert.

 

 

Obwohl es sich bei diesem Beispiel im Wesentlichen um einen Nonsenstext handelt, ist ein Leser mit durchschnittlicher Lesekompetenz dazu imstande, die Wortbilder als bekannte Muster zu erkennen und sinngemäß zu interpretieren. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass wir keine Buchstaben sondern Wörter lesen. Je höher die Lesekompetenz, desto größer die Mustererkennung von Wortbildern.

 

 

 Trotz eines fehlerhaften Textes können die Wortbilder bereits an ihren oberen Mittellängen und Oberlängen als bekannte Wortbildmuster erkannt und sinngemäß interpretiert werden. Serifen bieten dabei zusätzliche Anhaltspunkte für eine schnelle Decodierung im Rahmen eines Mustererkennungsprozesses. Deshalb können Schriften mit Serifen in der Regel schneller gelesen werden, als Schriften ohne Serifen.

 

 

 Selbst für einen Rezipienten mit hoher Lesekompetenz dürfte es schwierig sein, die Wortbilder an ihren unteren Mittellängen und Unterlängen als bekannte Muster zu erkennen oder sie gar sinngemäß zu interpretiert. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass wir an der oberen Kante einer Schriftzeile lesen und die Formgebung der oberen Mittellängen und der Oberlängen wichtiger ist als die der Unterlängen eines Buchstabens.

 

 

 

Lesearten für Buchtypografie

 

Lesen ist eine Interaktion zwischen Formwahrnehmung und Verbalisierung. Die Aufgabe der angewandten Typografie ist es, diese Formwahrnehmung so zu optimieren, dass Worte mühelos entschlüsselt werden können und reibungsloses Lesen möglich wird. Dazu muss sich die typografische Gestaltung stets dem Inhalt unterordnen, so weit, dass sie beim Lesen nicht mehr wahrgenommen wird.

 

Es kann in folgende sechs Gruppen von Lesearten für Buchtypografie unterschieden werden:

 

  1. Lineares Lesen = klassische Art des Lesens, bei der eines nach dem anderen gelesen wird

    • Zielgruppe: freiwillige Leser

    • Motivation: Neugier, Vergnügen, freiwilliges Lesen

    • Beispiel: Romane, Geschichten

    • Gestaltungsmotto: nicht stören, gute Lesbarkeit ohne optische Unruhen

 

  1. Differenzierte Typografie

    • Zielgruppe: Berufsleser (z.B. Wissenschaftler, Studenten…)

    • Motivation: berufliches Lesen

    • Beispiel: Lehrbücher, Sachbücher, wissenschaftliche Bücher

    • Gestaltungsmotto: so eindeutig wie möglich

 

  1. Informierendes Lesen

    • Zielgruppe: Leser die an schneller Informationsbeschaffung interessiert sind und keine Bücher lesen wollen

    • Motivation: Überblick über einen Sachbereich – Text wird zunächst Überflogen/Diagonal gelesen

    • Beispiel: Zeitungen

    • Gestaltungsmotto: so übersichtlich wie möglich

 

  1. Konsultierendes Lesen

    • Motivation: gezielter Erwerb von größeren Informationseinheiten

    • Beispiele: Nachschlagewerke aller Art wie Lexikon, Duden, Fahrpläne etc.

    • Gestaltungsmotto: so deutlich wie nötig

 

  1. Selektierendes Lesen

    • Motivation: gezielter Erwerb von kleineren Informationseinheiten

    • Beispiele: Formelsammlungen, Liederbücher, Kochbücher

    • Gestaltungsmotto: so deutlich wie möglich

 

  1. Aktivierende Typografie = Typografie Gestaltung, die zum Lesen verleiten soll

    • Zielgruppe: „unmotivierte“ Leser

    • Motivation: undifferenziertes Lesen, keine explizite Motivation

    • Beispiel: Magazine, Werbung

    • Gestaltungsmotto: neugierig machen und Interesse wecken

 

Fazit

 

Die vorrangige Aufgabe von Lesetypografie ist es, diese Formwahrnehmung so zu gestalten, dass der Inhalt mühelos vom Lesenden erfasst werden kann. Die Typografie tritt so hinter den Text zurück, dass sie nicht explizit wahrgenommen wird; wenn der „Leser nicht merkt, dass er liest“.

 

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