Human-Centered Design klingt zunächst nach einem überzeugenden Ideal: Lösungen werden so entwickelt, dass die Bedürfnisse, Ziele und Erwartungen der Menschen im Mittelpunkt stehen. In der Praxis – insbesondere in Unternehmen – lässt sich dieses Ideal jedoch nicht immer vollständig umsetzen.

Zahlreiche Untersuchungen beschäftigen sich bereits mit der Frage, wie Human-Centered Design dauerhaft in Organisationen integriert werden kann. Dabei zeigt sich immer wieder, dass die Umsetzung mit verschiedenen Herausforderungen verbunden ist.

Doch daraus ergibt sich eine weitere Frage: Muss wirklich jedes Projekt einem Human-Centered-Design-Prozess folgen? Und wie realistisch ist das insbesondere für kleine Unternehmen, Start-ups oder Agenturen mit begrenzten Ressourcen?

 

Wie funktioniert der Human-Centered-Design-Prozess?

Human-Centered Design wird in der Theorie in vier zentrale Schritte unterteilt: den Nutzungskontext verstehen, Nutzungsanforderungen definieren, Gestaltungslösungen entwickeln und Gestaltungslösungen evaluieren. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass diese Schritte nicht streng nacheinander ablaufen müssen. Der Prozess ist iterativ. Das bedeutet, dass einzelne Schritte wiederholt werden können und Designer je nach neuen Erkenntnissen auch zu einem früheren Schritt zurückkehren.

 

 

 1. Nutzungskontext verstehen

Im ersten Schritt geht es darum zu verstehen, in welchem Kontext die Nutzer eine Website oder eine bestimmte Funktion verwenden. Das kann beispielsweise der Checkout, die Online-Zahlung, der Warenkorb oder eine andere Interaktion innerhalb einer Website sein. Designer beschäftigen sich dabei mit Fragen wie: Wer sind eigentlich die Nutzer? Was möchten sie erreichen? Wo, wann und wie verwenden sie die Anwendung? Um diese Fragen beantworten zu können, können Zielgruppenanalysen, Nutzeranalysen, Marktforschung, Interviews oder der direkte Kontakt mit Nutzern eingesetzt werden. Ziel ist es, zunächst möglichst genau zu verstehen, für wen gestaltet wird und in welchem Nutzungskontext die jeweilige Lösung funktionieren muss.

 

2. Nutzungsanforderungen definieren

Nachdem der Nutzungskontext verstanden wurde, müssen daraus konkrete Anforderungen abgeleitet werden. Es sollte klar sein, was die Nutzer erreichen möchten und welche Bedürfnisse bei der Gestaltung berücksichtigt werden müssen. Die zuvor gewonnenen Erkenntnisse werden also in konkrete Nutzungsanforderungen übersetzt. Auf dieser Grundlage kann anschließend der eigentliche Gestaltungsprozess beginnen.

 

3. Gestaltungslösungen entwickeln

Im dritten Schritt beginnt die kreative Gestaltung. Auf Basis der zuvor identifizierten Bedürfnisse und Anforderungen werden erste Lösungen entwickelt. Dabei können beispielsweise erste Konzepte, Wireframes, Prototypen oder konkrete Designs entstehen. Die Gestaltung basiert dabei nicht ausschließlich auf persönlichen Vorstellungen des Designers, sondern möglichst auf den Erkenntnissen, die zuvor über die Nutzer und ihren Nutzungskontext gewonnen wurden.

 

 4. Gestaltungslösungen evaluieren

Die entwickelten Lösungen müssen anschließend überprüft werden. Es reicht nicht aus, eine Lösung zu gestalten und davon auszugehen, dass sie für die Nutzer funktioniert. Deshalb kommen beispielsweise User Tests oder Usability Tests zum Einsatz. Dabei wird überprüft, ob die entwickelte Lösung tatsächlich zu den Bedürfnissen der Nutzer passt, ob sie verständlich ist und ob die Nutzer ihre Ziele damit erreichen können. Gleichzeitig wird Feedback gesammelt, das wiederum zu Veränderungen an der Gestaltung führen kann.

Genau hier zeigt sich der iterative Charakter des Human-Centered Design. Wenn bei der Evaluation neue Probleme oder Bedürfnisse sichtbar werden, können einzelne Schritte erneut durchlaufen werden. Ein Konzept wird angepasst, nochmals getestet und gegebenenfalls erneut überarbeitet. Der Prozess wiederholt sich also so lange, wie es für das jeweilige Projekt notwendig ist.

 

Das Problem beginnt in der Unternehmenspraxis

In der Theorie klingt dieser Prozess nachvollziehbar und klar strukturiert. In der Praxis entstehen jedoch schnell Schwierigkeiten, besonders in kleinen Unternehmen oder Agenturen, in denen möglicherweise nur ein einzelner Designer oder ein sehr kleines Designteam arbeitet.

Ein einzelner Designer kann einen umfassenden Human-Centered-Design-Prozess kaum isoliert durchführen. Er ist auf die Unterstützung anderer Bereiche angewiesen, beispielsweise des Managements, der Entwicklung, des Projektmanagements und teilweise auch des Vertriebs oder Marketings. Gleichzeitig spielen auch die Kunden selbst eine wichtige Rolle. Designer und Entwickler müssen eng zusammenarbeiten, Ressourcen müssen zur Verfügung stehen, Nutzer müssen erreicht werden können und Entscheidungen müssen rechtzeitig getroffen werden. Hinzu kommen die typischen Einschränkungen des Projektalltags: begrenzte Budgets, Zeitdruck, Deadlines, technische Abhängigkeiten und Kundenanforderungen. Ein Designer befindet sich vielleicht noch in der ersten Phase und möchte zunächst den Nutzungskontext besser verstehen, während der Kunde bereits Ergebnisse erwartet oder die Entwickler mit der technischen Umsetzung begonnen haben. Genau an diesem Punkt trifft der theoretisch strukturierte HCD-Prozess auf die Realität eines Projekts.

 

Human-Centered Design braucht organisatorische Unterstützung

Hier zeigt sich ein wichtiger Aspekt: Human-Centered Design ist nicht ausschließlich die Aufgabe eines Designers. Damit ein nutzerzentrierter Prozess funktionieren kann, müssen innerhalb des Unternehmens entsprechende Rahmenbedingungen vorhanden sein.

Das Management muss bereit sein, Zeit und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Entwickler sollten möglichst frühzeitig eingebunden werden und auch Kunden müssen bereit sein, Analyse-, Research- oder Evaluationsphasen zu unterstützen. Human-Centered Design wird dadurch nicht nur zu einer Frage des Designs, sondern auch zu einer organisatorischen Frage.

Gerade in kleineren Unternehmen ist dieser Punkt besonders relevant, weil dort häufig weniger Ressourcen vorhanden sind und einzelne Personen mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen. Dadurch kann ein theoretisch vollständiger HCD-Prozess schnell an praktische Grenzen stoßen.

 

Muss deshalb jedes Projekt vollständig Human-Centered sein?

Damit komme ich zurück zu der Frage vom Anfang: Braucht wirklich jedes Projekt einen vollständigen Human-Centered-Design-Prozess? Meiner Meinung nach nicht. Es hängt vom jeweiligen Projekt ab.

Bei einem neuen Kunden kann eine nutzerzentrierte Vorgehensweise besonders sinnvoll sein. Ziele, Nutzergruppen und Anforderungen können von Anfang an gemeinsam definiert werden. Bei kleineren Projekten oder langjährigen Kundenbeziehungen sieht die Situation oft anders aus. Wenn eine Agentur den Kunden, das Produkt und die Zielgruppe bereits gut kennt und nur kleinere Änderungen umgesetzt werden sollen, ist ein vollständiger HCD-Prozess nicht immer notwendig.

Entscheidend ist deshalb nicht, ob jedes Projekt vollständig nach HCD umgesetzt wird, sondern wie viel Human-Centered Design für das jeweilige Projekt sinnvoll ist.